Die nun folgende Schilderung der Bücherverbrennung des 10. Mai 1933, stammt größtenteils aus einem Artikel des antifaschistischen Schriftstellers ALFRED KANTOROWICZ, der in Spanien gekämpft hat und aus einem französischen Konzentrationslager nach Mexiko entkam:

Stichtag der Barbarei - Kampftag der Kultur


Der 10. Mai ist zu einem historischen Datum geworden. Hitler machte diesen Tag zum Stichtag seiner Offensive gegen die Westmächte: am 10. Mai überfielen seine Panzerdivisionen ohne Kriegserklärung Holland, Belgien und Luxemburg.

Das Datum war wohl kaum ganz zufällig gewählt; wahrscheinlich ist, daß Goebbels sich da ein mephistophelisches Witzchen erlaubt hat. Er ist ja für symbolische Akte. Genau am 10. Mai 1933 hatte er der Welt schamlos angekündigt, was sie vom Nationalsozialismus zu erwarten hatte.

An diesem Tag flammte in Berlin und allen Groß- und Universitätsstädten des Reiches die Scheiterhaufen, auf denen die vornehmsten Erzeugnisse des europäischen Geistes seit dem Zeitalter der Aufklärung im Beisein johlenden Pöbels verbrannt wurden. Josef Goebbels, der in seinem autobiographischen Roman "Michael" bekannt hatte: "Das Geistige wird mir zum Überdruß! Mich ekelt jedes gedruckte Wort", hielt die "Festrede" auf dem Opernplatz in Berlin im Namen seines Meisters, der in seinem Buche "Mein Kampf" in sehr schlechtem Deutsch die Werke deutscher Dichter und Denker als "limonadige Ergüsse ästhetisierender Literaten" verhöhnt hatte. Die Lakaien der Machthaber klatschten Beifall. So begann der Wahnsinn der faschistischen Kulturbarbarei: da standen sie in weitem Viereck um den Scheiterhaufen, ein feuchter Frühsommerabend hatte sich auf die Stadt gesenkt, kriegerische Märsche erklangen im Hintergrund. Ein blasser Student mit Braunhemd und randlosem Kneifer trat vor und sprach: "Gegen Klassenkampf und Materialismus! Für Volksgemeinschaft und idealistische Lebensauffassung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Karl Marx!" Und was in den Augen dieses jungen Menschen flackerte, war nicht nur der Widerschein der Flamme, die das kalte Gemächsel des Propagandachefs angezündet hatte, es war der helle Irrsinn der faschistischen Demagogie.

Ein zweiter folgte: "Gegen moralischen Verfall! Für Sitte, Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann!" Und es war dem stumpfen Gesicht dieses Burschen anzusehen, daß er nie ein Buch von Heinrich Mann gelesen hatte.

Den Feuerreigen beschloß der Spruch: "Gegen Frechheit und Anmaßung! Für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge auch, Flamme, die Schriften der Tucholsky und Ossietzky! "

Und es war mit Händen zu greifen, daß über die schmutzige Bewußtseinsschwelle des Sprechers niemals auch nur ein flüchtiger Gedanke an jenen Mann gehuscht war, der zur gleichen Zeit im Konzentrationslager Sonnenburg von den Hütern eben dieses "unsterblichen deutschen Volksgeistes" gequält wurde.

"Wir sind nicht und wollen nicht sein das Land von Goethe und Einstein. Alles, bloß das nicht", schrieb der "Kritiker" Hussong im "Berliner Lokalanzeiger" als Beitrag zum fröhlichen Bücherbrand. Beim Gesang alter Kriegslieder und beim Klang deutscher Militärmärsche sammelte sich der Demonstrationszug, so weiß der "Angriff" zu berichten. Und als man die Bücher von Freud, Einstein, Lion Feuchtwanger und hundert anderer weltbekannter Autoren jubelnd in die Flammen geworfen hatte, wurde die Zeremonie beschlossen mit dem gemeinsamen Gesang einer Strophe von "Volk ans Gewehr" und dem Horst-Wessel-Lied. Das ganze nannte Goebbels einen symbolischen Akt von historischer Bedeutung. Er hatte Recht damit.

Das war nur der Anfang gewesen. Die Bücher von Thomas Mann, Romain Rolland, H.G. Wells, Upton Sinclair, Dos Passos, Sinclair Lewis, Gorki, Ehrenburg, Scholochow, Selma Lagerlöf, Karin Michaelis, Martin Andersen-Nexö, Werfel, Thomas Masaryk - ja schlechterdings fast die gesamte weltbedeutende zeitgenössische Literatur und Soziologie wurde auf die Liste der "Schmutz- und Schundliteratur" gesetzt, verbrannt, verboten, zensiert, entstellt, de facto unterdrückt und den Klassikern der Weltliteratur ging es nicht viel besser: Lessing, der vor nunmehr zweihundert Jahren das Gebot der Toleranz in deutschen Landen verkündet hatte, wurde als Judenknecht geächtet, Schillers Freiheitsdramen wurden zensiert oder verboten, Heines Gedichte zu lesen gilt als Hochverrat, Voltaire und die Enzyklopädisten sind auf dem Index und Tolstois "Krieg und Frieden" zu lesen wird wohl heutzutage eine revolutionäre Tat im Nazireich sein. Das war alles keine Affekthandlung, sondern eine planmäßige Aktion der nationalsozialistischen Staatsräson, die mit allen Mitteln verhindern muß, daß die Wahrheit, die in allen guten Büchern enthalten ist, auf ihre Anhänger einwirke oder zur Waffe in den Händen ihrer Feinde werde.

Das Todesurteil gegen den Geist und die Kultur aber war in absentia vollstreckt worden: Beide waren ins Exil gegangen. Sie hatten jenseits der Grenzen ein äußeres Refugium, innerhalb der Grenzen aber ein inneres Refugium im Herzen und im Verstande des besseren Teils der Deutschen gefunden. Die großen Traditionen der deutschen Literatur, unlösbar verbunden mit der Geschichte der westeuropäischen Kultur, die von Lessing zum jungen Goethe, zu Hölderlin, Grabbe, Heine führen, sind übernommen worden von der Literatur der Emigration, die die wahre deutsche Literatur ist.

Aus: Kunst und Wissen, London, Mai 1943, hrsg, vom Freien Deutschen Kulturbund

(Quelle: Erinnern für die Zukunft. Materialien zum 60. Jahrestag der faschistischen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933. Hg. Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes VVN-Bund der Antifaschisten. München: Eigendruck, 1992. S.16-17.)
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